Göppingen ist Vorreiter – doch die Finanzierung bleibt unklar
NWZ vom 19.05.2026
Der Verein für Kindertagespflege im Landkreis will Inklusion vorantreiben und hat den Zuschlag als Modellprojekt im Land erhalten. Wermutstropfen aus Sicht des Vereins: Bisher beteiligt sich der Landkreis finanziell nicht. Von Susann Schönfelder
Inklusion ist in der Kindertagespflege nichts Neues. „Die Tagesmütter machen das schon ewig, das lief nur bisher nebenher“, sagt Qualifizierungsfachkraft Monika Banschbach. Das heißt, es gab für diese Arbeit weder eine finanzielle Unterstützung noch eine Fachstelle beim Verein Kindertagespflege Landkreis Göppingen oder eine entsprechende Schulung. Seit Oktober 2025 hat man das Thema jedoch auf solide Beine gestellt und einen konzeptionellen und pädagogischen Rahmen geschaffen. Der Verein hatte sich im Februar 2025 beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) beworben, Modelleinrichtung in puncto Inklusion zu werden, und im Juli den Zuschlag bekommen.
Projekt ist auf drei Jahre befristet
Im Oktober startete das auf drei Jahre befristete Projekt, es läuft im August 2028 aus. Neu ist eine Fachstelle für Inklusion im Haus, die auch finanziert werden muss. „Einen Anteil trägt die KVJS, den Rest stemmen wir aus dem regulären Haushalt des Vereins“, erklärt Geschäftsführerin Sonja Elineau und schiebt hinterher: „Wir hatten uns gewünscht, dass der Landkreis das übernimmt.“ Die finale Beschlussvorlage sei im vor beratenden Gremium bereits im Juli 2025 vorgestellt worden. „Leider ist bis heute noch nichts konkret umgesetzt worden. Angesichts unserer sonst so kooperativen und engen Zusammenarbeit mit dem Jugendamt ist das für uns schwer nachzuvollziehen“, drückt die Geschäftsführerin ihr Unverständnis aus.
Im Landratsamt sieht man die Sache jedoch etwas anders: „Das Konzept ,Inklusion in der Kindertagespflege‘ wurde am 6.10.2025 im Jugendhilfeausschuss ohne Beschlussfassung als Bericht zur Kenntnisnahme vorgestellt“, teilt Pressesprecherin Clarissa Weber mit. Das Verfahren zur rechtssicheren Umsetzung werde aktuell zwischen der Landkreisverwaltung und dem Verein für Kindertagespflege abgestimmt.
Spardruck des Landkreises wirkt sich aus
Inklusion in der Kindertagespflege zu verankern, war bereits im Jahr 2019 Thema. Damals wurde im Kreisjugendplan erstmals festgelegt, dass die Landkreisverwaltung ein Konzept für „Eine Kindertagespflege für Alle“ analog zu „Eine Kita für Alle“ vorantreiben solle. Der Jugendhilfeausschuss beschloss dies auch. Der Verein habe die Konzeption auch geliefert, sagt Elineau. Dabei sollen Kinder mit Handicap in den Fokus genommen werden, aber auch solche, die keine festgestellte wesentliche Behinderung haben, aber in der Betreuung mehr Unterstützung brauchen. Zum Beispiel geht es um Kinder, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen oder in der Sprachentwicklung Unterstützung brauchen. „Hierauf besteht kein Anspruch“, heißt es in der entsprechenden Beschlussvorlage. Und da der Landkreis schon seinerzeit knapp bei Kasse war, habe sich die Verwaltung gegen einen Beschlussantrag entschieden und das Thema lediglich zur Kenntnis vorgelegt.
„Wir machen weiter, weil wir es wichtig finden“
Für den Verein eine Enttäuschung. „Es gibt keine finanzielle Anerkennung von Tagesmüttern, die inklusiv betreuen“, sagt Sonja Elineau. „Doch wir machen weiter, weil wir es wichtig finden.“ Motivierend wirke dabei der Zuspruch aus dem Land: „Das Projekt wird überall sehr positiv wahrgenommen.“ Auch der Landesverband Kindertagespflege Baden-Württemberg habe die Göppinger Vorreiter-Rolle registriert, andere Landkreise erkundigten sich nach dem Modell. „Das Landesjugendamt möchte eine Blaupause erstellen, wie Inklusion in so einem Verein verankert werden kann“, erklärt die Geschäftsführerin ein Ziel dieses Pilotprojekts. „Die Arbeit wird erhalten bleiben, weil sie hilft“, sagt Sonja Elineau bestimmt. Auch wenn in den Sternen steht, wie die Finanzierung ab September 2028 aussehen wird.
„Kinder haben weniger Berührungsängste“
Die Vorteile inklusiver Arbeit in der Kindertagespflege liegen für die Chefin und Monika Banschbach, die die Qualifizierungskurse leitet, auf der Hand: „Das familiennahe Setting ist super geeignet“, meint Banschbach. 13 Teilnehmerinnen haben im Herbst 2025 einen Kurs besucht. Ein Baustein on top zur bisherigen Qualifikation. Die gleichen Unterrichtseinheiten werden im Herbst dieses Jahres noch einmal angeboten. Den Tagesmüttern werde darin das Rüstzeug an die Hand gegeben, „damit sie mit den Kindern gut umgehen können“, so Banchbach. Die NWZ-Aktion „Gute Taten“ unterstützt diese Kurse mit insgesamt 2500 Euro. „Die Tagesmütter sind dankbar, dass sie eine Anlaufstelle haben.“ Letztlich arbeiten aber deutlich mehr Tagesmütter inklusiv als die, die den Kurs besuchen, verdeutlicht Banschbach.
„Berührungsängste bei Kindern gering“
Inklusion, Gleichstellung und Teilhabe, ein gemeinsames Aufwachsen mit Gleichaltrigen, das Recht der Eltern auf Arbeit sind für sie eine Selbstverständlichkeit. Profitieren würden alle Seiten, „weil Berührungsängste bei Kindern gering sind“, sagt die erfahrene Qualifizierungskraft. Es gehe letztlich darum, die Strukturen an die Kinder anzupassen, zumal es heute mehr Entwicklungsbesonderheiten wie Anpassungsschwierigkeiten, motorische Auffälligkeiten oder sozial-emotionale Schwierigkeiten gebe als früher. Inklusion bereits im frühkindlichen Bereich helfe, die Kinder frühzeitig zu unterstützen, Kontakt zur Frühförderstelle herzustellen oder ärztlichen Rat einzuholen. Sonja Elineau und ihr Team hoffen daher auf eine „Idee zur Verstetigung“ der inklusiven Arbeit auf dem Weg zu einer „Kindertagespflege für alle“.
Derzeit betreut der Verein rund 500 Kinder
Zahlen 144 Tagesmütter und -väter betreuen derzeit rund 500 Kinder im Landkreis, davon sind 85 Prozent unter Dreijährige, sagt Geschäftsführerin Sonja Elineau. Über Dreijährige werden häufig in den Randzeiten betreut. Unter ihnen seien auch Kinder mit Besonderheiten, die im Kindergarten Schwierigkeiten hätten. „Systemsprenger landen aber nicht hier“, betont Elineau.
Stabwechsel Anfang Mai wurde die langjährige Geschäftsführerin Bettina Bechtold-Schroff offiziell verabschiedet. Unter ihrer Leitung entwickelte sich der frühere Tagesmütterverein zu einer Organisation mit inzwischen 19 Mitarbeiterinnen. Die Umbenennung in „Verein für Kindertagespflege“ im Jahr 2024 unterstreicht diesen Professionalisierungsprozess. Ihre Nachfolgerin ist Sonja Elineau.
Foto: © Giacinto Carlucci
Bildunterschrift: Ein Haus, viele Bausteine: Der Kindertagespflegeverein im Landkreis hat Strukturen für mehr Inklusion geschaffen. Sonja Elineau (von rechts), Lara Wille, Katharina Weißmann und Monika Banschbach hoffen auf eine auskömmliche Finanzierung.
